Was wäre, wenn Delfine Hände hätten? Hätten sie dann die Weltherrschaft an sich gerissen? Mir ist zu Ohren gekommen, dass Delfine nahezu so intelligent sind wie Menschen. Oder liegt ihr Unvermögen zur Machtübernahme lediglich darin, dass sich unter Wasser mangels Feuer keine Waffen und Rüstungen schmieden lassen?
Donnerstag, 25. Februar 2010
Samstag, 16. Januar 2010
Das Glück in der Brieftasche
Das Pech hatte sich schon im Voraus angekündigt in Form eines 20-Euro-Scheins. Ich wusste, dass es wahrscheinlich schwierig werden würde, damit am Automaten ein Ticket für die Strassenbahn zu lösen. Mein Kleingeld reichte nicht aus, und beim Fahrer kann man in der Strassenbahn keine Fahrscheine kaufen. Möglicherweise wäre auch die Verabredung, bei der ich eben versetzt worden war, als Omen für die nahenden Probleme zu sehen gewesen. Jedenfalls war die Strassenbahn schon in Sichtweite, als ich den Fahrkartenautomaten mit meinem Geldschein fütterte und mich schon freute, dass dieser angenommen wurde. Doch da kam er wieder raus und die Strassenbahn immer näher. Ich sprach einen der Wartenden an, ob er mir wechseln könnte. "Waddn se mal..." Er grübelte in seiner Brieftasche, tischte Geld auf einen der Sitze im Wartehäuschen raus, aber es passte nicht. Da war die Strassenbahn da und mir war es unangenehm, den Herrn in diesem Moment zu beanspruchen. Es war schon spät und bitterkalt. Ich meinte zu ihm, er solle doch gehen. "Nänä, da lauf i hald no ä bissl", lachte er und ging zum Automaten um irgendwas zu versuchen, was dann doch nicht klappte. Das Tram war weg. Da drückte mir der Mann eine 2-Euro-Münze in die Hand. "Jä, da hab i höid ä guode Dag!", lachte er, winkte und grinste und verschwand in der Dunkelheit. Ich bedankte mich, sagte "Tschüss!" und steckte die Münze in den Automaten. Sie verschwand, die Maschine blinkte und piepste, dann war Stille. Kein Ticket, kein Rückgeld. Ich drückte auf sämtliche Knöpfe - nichts. Ich drehte mich um. Auf der anderen Strassenseite gab es ein Restaurant. Bis die Strassenbahn kam würde es noch reichen, dort meine Geldnote zu wechseln. Ich überlegte mehrmals, überquerte dann die Strasse und betrat das Lokal. Mein Schein wurde gewechselt und ich verliess das Restaurant wieder. Als ich an der Ampel wartete, fuhr dies Strassenbahn gerade ein. Da in diesem Moment sowohl die Fussgängerampel, wie auch die für die Fahrzeuge auf Rot standen, fürchtete ich, die Strassenbahn könnte den Vorzug bekommen und mir davon fahren, aber soviel Pech war mir dann doch nicht beschieden. Dennoch reichte es nicht mehr für einen neuen Versuch am Automaten. Geld für nichts gewechselt, ich fuhr "schwarz". Bezahlen konnte ich ja dann beim Umsteigen im Bus nochmals. Bei der nächsten Station stieg der Herr von vorhin ein. Ich liebäugelte damit, ein bisschen früher als nötig aufzustehen und ihm im Vorbeigehen mit einem Augenzwinkern von meinem Pech zu berichten. Aber ich hatte es mir dann doch anders überlegt. Seine selbstlose Spende würde dann so sinnlos erscheinen. Und er war doch so glücklich, mir ausgeholfen zu haben...
Mittwoch, 2. September 2009
Der Tod des...
Marat
am 13. Juli 1793


von Jaques-Louis David, 1973
Uwe Barschel
am 9.Oktober 1987
aus dem "Stern", 1987

Beides historisch, beides Dokumentation, ob in der Form eines ästhetisierten Historiengemäldes mit Pietà-Anleihen oder in der Form eines nüchternen Pressefotos. Die zwei auffälligsten Unterschiede sind die Perspektive aus der man auf die Szene blickt und der Lichteinfall. So werden zwei verschiedene Wirkungen erzeugt. Bei David blickt man frontal auf die Figur in der Badewanne. Das Licht ist ein heller Schimmer, der besonders das Gesicht des Toten beleuchtet. Der Anblick des Bildes löst beim Betrachter ein Mitleidsgefühl aus. Bei Uwe Barschel ist die Perspektive so gewählt, dass man aus einem schrägen Winkel von oben auf die im Bad liegende Person schaut. Das Licht ist hell wie das Blitzlicht der Fotokamera. Dadurch wird ein Schockeffekt erzeugt. Weiter sind die Haltungen der Figuren stark aussagekräftig. Marat ist nach einer Pietà (der tote Jesus auf dem Schoss Marias) von Michelangelo zitiert, welche die selbe Haltung des rechten Arms zeigt. Das Gesicht ist dem Betrachter zugewendet, die Arme liegen offen da und geben den Körper des Toten frei. Die Figur wirkt schlaff und hilflos, die Opferrolle wird betont. Barschel hingegen ist in die Badewanne hineingedrückt. Sein rechter Arm ist nach hinten angewinkelt und verdeckt einen Teil des Gesichts der Leiche, welches zur Seite geneigt ist. Die gesamte Haltung der Figur wirkt seltsam verkrampft. Dazu ist bei Marat die Todesursache offensichtlich – Stichwunde in der Brust, Messer am Boden (ausserdem badete Marat aus gesundheitlichen Gründen und der Brief in seiner Hand stammt von der Mörderin, welche sich damit Zugang zu ihm verschaffte) –, bei Barschel sieht man weder Anzeichen einer gewaltsamen Einwirkung, noch Hinweise auf die Todesursache, und er liegt seltsamerweise samt Kleidern im Badewasser. Barschels Tod wird also als mysteriös dargestellt, während Jaques-Louis David den toten Marat als klares Opfer eines Verbrechens zeigt.
Mittwoch, 8. Juli 2009
Dr Zibusafer u dr Gängumäni
Si schtöh anerä Schtrass. "U wi wärs de wemer iz eso u när eso?" "Das hesch scho vorhär vorgschlagä u i ha der doch xeit das das nid geit." Dr Zibusafer überleit. "Aber..." "Nei, kes aber," seit der Gängumäni, "eso geits nid. Mir müesse haut angers ume, gschtochä oder ghouä." "Aber i wott doch numä..." "Iz geits haut nid, iz muesch haut eifach schpurä." "Aber,..." "Los, chum iz! Fertig gchlönet. Sakremänt..."
D Uschpantrine u der Huschuwädi
"Gang iz furt!", seit är u git erä ä Gingg mitem Eubogä. " I wott doch numä luege", mulet si. "E du chasch de es angers mau luege." "I wott aber iz!" Dr Huschuwädi verträit d Ougä u seit: "Nei, chum iz!" "Läck, wi blöd isch de dä!", dängkt d Uschpantrine u zottlet beleidiget u schtouz ab.
Dienstag, 7. April 2009
Die Lücke
Da gibt es eine Lücke. Eine Lücke zwischen dem, was man ist und dem, was man gerne sein möchte. Manchmal fällt man da hinein. Man ist dann ausser sich; Ausserhalb seiner aktuellen, realen und normalerweise akzeptierten Identifikation und auch ausserhalb seiner erwünschten, erträumten, vielleicht zukünftigen, idealen Identifikation.
Ausser sich. Aus der Fassung.
Nicht in einem von den eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften gesteckten und von persönlichen Werten gesetzten Rahmen. Man verliert die Form, wird diffus, undifferenziert, ungehalten, ungerecht. Man ist nicht mehr sich selbst. In der Lücke, zwischen Stuhl und Bank. Ausser sich, aus der Fassung.
Und du hast mich aus der Fassung gebracht. Wie ich dich sah, wie du dagestanden hast, vor erwartungsvollen Augen und aufmerksamen Ohren, da fühlte ich diese Spannung. Wie ein unsichtbarer Faden zwischen uns. Ein Draht vielmehr, ein dicker Draht, elektrisch geladen. Und dann setzte der Rhythmus ein. Die ersten Akkorde klangen an und es war wie Seelenmusik; Mein Herzschlag war dein Takt. Die Spannung verstärkte sich und plötzlich durchzuckte es mich wie ein Stromschlag. In meiner kurzen Lähmung erkannte ich dich: Du warst, was ich war und auch, was ich nicht war und sein wollte. Du warst ich in Perfektion.
Da war die Lücke. Und darin dieses heisse Gefühl. Und dann fingst du an zu singen und du sangst meine Gedanken, meine Gefühle mit deinen Worten; Alles, was ich immer sagen wollte und nie konnte. Es floss gleichsam aus dir heraus, so leicht, so klar, furchtlos. Ich bewunderte dich, ich war dir dankbar. Diese Last, die du von mir nahmst, wie du mich befreitest, mir eine Stimme gabst, mich um meine Mängel ergänztest. Ich fühlte mich verstanden, aufgehoben, eingeordnet, mit Wert und Sinn versehen. Doch dann begann ich zu zweifeln. Sangst du wirklich so leicht, oder einfach nur gleichgültig? Furchtlos oder respektlos? Klar oder herunterspielend?
Da war sie wieder, diese Lücke und das heisse, pulsierende Gefühl in ihr flammte von Neuem auf. Wie du da standest und sangst. Es war als flösse Starkstrom durch den Draht zwischen uns... Stromschlag. Du hieltest mein schlagendes Herz in deiner Hand, während du zu seinem Rhythmus weitersangst, meine Gefühle und meine Gedanken mit deinen Worten in dies dunkle Masse von blutgeilen Fremden schleudertest, sie verprasstest, verpufftest, entwertetest. Und dennoch, Bewunderung kam ein zweites Mal in mir auf. Diese Sicherheit, mit der du sangst. Und diese Augen, die dich anschauten, dein Bild aufsogen, diese Ohren, die dir lauschten. Dieser Respekt, diese Verehrung die dir zu Teil wurden.
Aber wieso du? Du sangst meine Gedanken, meine Gefühle, erzähltest meine Geschichte. Und wie du es tatest; Wie eine Prostituierte führtest du sie vor diese schamlosen Augen und Ohren. Den Lohn behieltest du für dich. Ich war dir egal. Dein Blick verlor sich im Scheinwerferlicht, das die entgegenstrahlte. Du sonntest dich in deinem unverdienten Ruhm. Verblendet.
Die Entzündung in der Lücke schwoll an, wie ein gelber eitriger Abszess. Ich begann, dich zu hassen. Die Befreiung, die ich empfunden hatte schlug um in ein Gefühl der Enteignung. Es war, als hättest du mir die Haut abgezogen, so brannte es mich. Völlig entblösst, ausgestellt, schutzlos fühlte ich mich. In einem plötzlichen Akt meiner Verzweiflung packte ich wutentbrannt den Draht und riss ihn aus meiner Brust. Dieser stechende, schürfende Schmerz. Der Strom versengte meine Hände, die Haut spannte sich um die Brandwunden. Deine Stimme verklang, mit ihr die Musik, der Rhythmus ebbte ab. Du drehtest dich um und gingst von der Bühne. Der Applaus begleitete dich hinaus.
Mein lebloses Herz liesst du auf dem Boden zurück.
Strumming my pain with his fingers
singing my life with his words
killing me cruelly with his song
killing me cruelly with his song
telling my whole life with his words
killing me cruelly with his words
with his song.
Die Eiterbeule in der Lücke platzte und daraus floss zähflüssiger klebriger Neid.
Montag, 16. Februar 2009
Schnappschüsse aus Barcelona
Ich greife in meine Umhängebrieftasche und ziehe die Visitenkarte von einem Restaurant hervor. Vor wenigen Minuten habe ich dieses verlassen, nachdem ich dort äusserst köstlich gespiesen hatte. Im Ohr hängt mir immer noch das Stimmengewirr der Gäste, das sich mit den Klängen eines Klaviers und dem Geklapper aus der Küche mischte. Ich hatte alleine an einem Tisch sitzend drei Gänge verzehrt und Rotwein getrunken, die Leute beobachtend, die Atmosphäre in mich aufsaugend. Jetzt stehe ich vor den Einlassschranken in der Metrostation. Ich stecke die Visitenkarte zurück. Denn was ich eigentlich herausnehmen wollte, war mein U-Bahn-Ticket.
"Du bist eine ernste Person, Isabelle", sagt er zu mir. Ich lache. "Es kommt darauf an", antworte ich und noch während ich das sage, finde ich, dass er, der mich erst seit wenigen Minuten kennt, eigentlich recht hat. Warum habe ich jahrelang das Gegenteil geglaubt?
"I've been in the banking business. I've retired lately. Now, I do all the things I'd have liked to do when I was your age. I always said: We should retire when we're thirty – for ten years and then go back to work. As I've said, I've retired recently from banking and just as I did so the stockmarket crashed. I told them: they shouldn't have let me go."
Ich will mir einen Schal kaufen und gehe zur Kasse. Dort fliegt mir ein spanischer Satz entgegen. "Em... I... don't speak Spanish", sage ich. "Is it a bressand?", fragt mich die Verkäuferin. "Em... No, no. It's for me." "For myself", denke ich, mich selbst korrigierend. Später fällt mir ein, dass ich "Yes", hätte sagen sollen, "but you don't need to wrap it up." Es ist ein Geschenk. For me, nein, myself.
Ich kaufe mir ein paar schwarze Leggings. Sie könnten mir noch etwas besser passen, aber ich will jetzt einfach welche haben. Doch kurz zuvor hatte ich noch etwas ganz anderes gewollt. Ich wollte zur Sagrada Familia gehen. Die Metrostation, welche ich benutzen wollte, wird aber soeben umgebaut und ich fand keinen anderen Zugang zu der U-Bahn-Linie die ich hätte nehmen müssen. Ich lief mehrere Male die Strasse hoch und wieder runter, verlor die Orientierung, fand sie wieder, weil ich merkte, dass ich an meinen Ausgangspunkt zurückgekehrt war. Ich ging über Fussgängerstreifen, wobei ich soeben die Unterführung darunter von der Seite her durchquert hatte, auf die ich nun wieder ging. Ich ging durch Gänge, die mich unterirdisch wieder die Strasse entlang zurückführten, die ich zuvor am Tageslicht gegangen war. Ich versuchte es zweimal beim selben Metroeingang, wobei ich jedesmal glaubte, nun endlich den richtigen gefunden zu haben. Ich drehte den Stadtplan in alle Richtungen, drehte mich um meine eigene Achse und dann auf dem Absatz um und ging in den Laden, in dem ich nun bin.
Picasso sagt mir nicht viel. Er könnte mir aber trotzdem mal verraten, was alle an ihm so toll finden.
Freitag, 6. Februar 2009
Artikel Nr. 16 - Ein Rauschen im Ohr
Sich mit Geschichten betrinken. Das kann ich. Jeder kann das, jeder tut es. Kennst du das? Es beginnt irgendwie, du hörst einen Satz, hast einen Gedanken, siehst ein Bild und dann bist du drin und willst nur noch einsaugen. Du musst unbedingt wissen, wie die Geschichte ausgeht, nicht aber, bevor du ihren Verlauf in allen Einzelheiten erfahren hast. Du beginnst zu suchen, bist ganz aufmerksam, überlegst ganz scharf. Tiefer, tiefer versinkst du darin. Ob du isst, unterwegs bist, mit jemandem sprichst, die Zeitung liest, immer kreisen deine Gedanken um diese eine Geschichte. Tagelang, nächtelang. Ein Film in meinem Kopf, ein Theater in meinen Gedanken, dein Wort in meinem Ohr. Es ist ein einziger Rausch, enthoben dessen, was rund um dich geschieht, was real ist. Sich mit Geschichten betrinken. Das kann ich. Jeder kann das, jeder tut es. Auch die Frenchmanicureklatschtanten, wenn sie ihre Boulevardzeitungen lesen. Besonders sie, sie sind regelrecht süchtig. Die Qualität des Inhalts ist egal. Hauptsache billig und wirkungsvoll. Sie saugen die Geschichten in sich auf, während ihre Modellflugzeugehemänner im Wirtshaus an ihrem Bierglas nippen. Und beim zu Bett gehen sind sie alle beide besoffen und schlafen ihren Rausch aus. Doch auch am nächsten Morgen sagt ihnen ihr Kopf, dass da etwas war, gestern. Auch die Herzschmerzmädchen tun es, wenn sie sich jeden Abend ihre Fernsehserien in Serie reinziehen. Völlig absorbiert. Und in ihren Träumen spielen die Schauspieler weiter. Ihre Lieblinge werden ihre Liebhaber und den ganzen Tag danach denken sie an die vergangene Nacht. Auch sie sind süchtig. Sie müssen unbedingt wissen, wie es weitergeht. Am nächsten Abend. In der Zwischenzeit wird die Erinnerung durchsucht. Sucht. Sich mit Geschichten betrinken. Das kann ich. Jeder kann das, jeder tut es. Auch die Playstationbuben, die Zeitungskaffeegeniesser, die Lebenundlebenlassenstudenten, die Partybürolisten, die Weltverbesserergynäkologen, die Wörterbuchkinder und Kopfhörerrucksacktouristen. Kannst du es auch? Komm, schau mir in die Seele. Tiefer, tiefer. Schau, schau in das Glas. Tiefer, tiefer. Nimm noch einen Schluck. Noch einen, ja. Betrink dich an meiner Geschichte. Mein Schmerz in deinem Herz, mein Schicksal unter deiner Hühnerhaut, mein Wort in deinem Ohr. Und ich hab ein Lied im Ohr, eine unfertige Geschichte, eine angebrochene Flasche.
I only get drunk on white wine...
Wir haben alle unsere Geheimnisse, Geschichten, Süchte. Kommen nicht los, sind eingesogen, haben eine Fettleber. Unvollendete Lieder, angebrochene Flaschen, Leichen im Keller. Und ich hab wieder ein Lied im Ohr, einen Loose-end-Gedanken, ein halbleeres Glas.
There is something inside me,
something you cannot see,
but when you touch it you can feel it:
The scar on my soul.
Wirkt der Alkohol? Spürst du meine Narbe? Wie schmeckt der Wein? Bitter? Süss? Wie ist der Rausch? Wie lange hält er wohl an? Sich mit Geschichten betrinken. Soll ich dir noch ein Glas einschenken? Oder willst du schlafen gehen? Geh nur, es ist nicht real, enthoben dessen, was rund um dich geschieht. Lass mich in meinem Rausch. Meine Geschichte in meinem Kopf, mein Leben in meinem Ohr, meine Wahrheit in deiner Interpretation. Dein Speichel an meinem Flaschenhals.
"Reiches Innenleben", Sovietisches Anti-Alkohol-Plakat
Samstag, 3. Januar 2009
Artikel Nr. 15 - Das Arme Lamm
Ich wollte mein schlechtes Gewissen beruhigen und wieder einmal einen Akt der Solidarität vollbringen. Denn im Alltag verhalte ich mich oft unsolidarisch. Ich bin eine von denen, die den Blick starr auf ein inexistentes Ziel richten und vorbeieilen, wenn sie in der Bahnhofunterführung einem Bettler begegnen. Und ich gehöre zu denen, die Fundraiser auf der Strasse permanent anlügen, entweder kein Geld, keine Zeit oder nicht das erforderliche Alter zu haben um ihrer Bitte nach einer Spende nachzukommen.
Der Auslöser für meine Einsicht war aber, dass ich wie jedes Jahr an Weihnachten auch dieses mal in die Kirche ging und dort die Geschichte der Geburt Jesu hörte. Wie nie zuvor jedoch berührte mich das dadurch in Erinnerung gerufenen Schicksal des Kindes, das als Sohn des Allmächtigen in die Welt kam für die Armen und Schwachen und das später einmal sein Leben opfern würde für die Sünden aller Menschen. Und da geschah es, dass ich mich schuldig fühlte. Ich sündigte, indem ich meine bedürftigen Mitmenschen kalten Herzens überging und verschuldete somit den grausamen Tod dieses hilflosen Kindes, das Zeit seines Lebens nur die Liebe predigte und keiner Fliege etwas zu leide tat. Oh, was bin ich doch für ein grausames Monster! Diese unerträgliche Erkenntnis trieb mich dazu, meine Gewissensbisse so schnell wie möglich loswerden zu wollen. Ich begann zu überlegen, was ich tun könnte. Es sollte etwas sein, was mir keinen Spass machte. Ich wollte büssen! Da kam ich auf die Idee, Blut spenden zu gehen. Bis anhin konnte mich keine noch so verlockende Bestechung dazu bringen dies zu tun. Das Klemmen des Gummibandes an meinem Oberarm, das das Blut staut und meinen immer heisser werdenden Arm anschwellen lässt, das brennende Stechen der Nadel in meine Ellenbogenkehle, das Gefühl auf meiner Haut, wenn das warme Blut in die Spritze fliesst, die auf meinem Arm liegt, diese Erfahrung hat mir bei der ärztlich verordneten Blutabnahme völlig gereicht. Und dann die Vorstellung, für einen halben Liter meines Lebenssafts ein Sandwich zu erhalten, das finde ich einfach nur makaber. Ein Grund warum ich mich nun zu dieser Form der Busse entschied, war auch, dass meine religiös geprägte Ausgangslage ein weiteres, mystisches Argument lieferte, was mich umso mehr überzeugte, denn auch Jesus gab sein Blut her.
Ich muss vorwegnehmen, dass ich es nicht geschafft habe mein Gewissen mittels Blutspenden zu erleichtern. Denn als ich das Blutspendelokal betrat wurde mir von dem schrecklichen Anblick, der sich mir bot aufs mal so speiübel und schwarz vor Augen, dass ich taumelnd und mich an den Wänden abstützend das Gebäude verlassen und fliehen musste. Noch auf der Flucht warf ich die ganze himmlische Verblendung von mir, denn die Wucht mit der ich hier auf den harten Boden der Realität geworfen wurde war einfach zu gigantisch, als dass meine religiöse Anwandlung ihr standgehalten hätte. Mein Egoismus wurde gänzlich restauriert durch die Erkenntnis, dass es in dieser elenden Welt noch viel fürchterlichere und verlogenere Monster gab als mich. Denn das Blutspendelokal betretend erblickte ich eine Gruppe ekstatisch um einen Haufen Blutkonserven tanzender, schweissüberströmter Krankenschwestern. Und sie empfingen mich mit offenen Armen.
Mittwoch, 26. November 2008
Artikel Nr. 14 - Wow, Aldi Unterschiede zur Migros...!
Ich war heute zum ersten Mal im Aldi. Normalerweise gehe ich immer in die Migros, aber heute wollte ich wegen der Kälte ein bisschen Weg sparen und der Aldi war halt näher. Im Prinzip ist es ja egal, Supermarkt ist gleich Supermarkt, oder? Dass das nicht zwingend der Fall sein muss beweist schon die Tatsache, dass ich überhaupt einen Blogeintrag über Migros und Aldi mache. Denn: Aldi ist anders. Aldi konzentriert sich auf das Wesentliche. Das steht auf der Website und als ich das las, fand ich das eine sehr gute Erklärung für mein aufrüttelndstes Einkaufserlebnis seit meinen Marktbesuch in Bamako (Mali, Afrika) vor etwa 10 Jahren.
Schon beim Aufsuchen des Ladens fällt mir ein gewisser Minimalismus auf. Es gibt bei der Filiale in Thun zwei Leuchtreklamen, die auf die Präsenz des Geschäfts aufmerksam machen, eine an der Frutigenstrasse und eine an der Talackerstrasse. Der Laden befindet sich im Untergeschoss des Eckgebäudes, doch das ist auf keinem der Schilder vermerkt, so dass ich zuerst den Eingang suchen muss. Im Treppenhaus, das dann nach unten führt gibt es gerade mal einen Schaukasten in dem auf einem Plakat alle aktuellen Sonderangebote abgebildet sind. Ich gehe nach unten (es gibt keine Rolltreppe) und komme in einen Raum, den man als Atrium bezeichnen könnte. Es gibt von da den Zugang zum Laden und zu der Tiefgarage, in die man auch gleich reinblickt. Sie besteht aus einem Raum ohne Säulen mit ungewöhnlich hoher Decke, alles Weiss gestrichen und hell beleuchtet. Dann gibt es da auch noch die Wägelistation. Ich ignoriere sie und gehe ins Geschäft hinein, wo ich bemerke, dass das eben ein Fehler war. Denn es gibt keine weitere Möglichkeit, ein Wägeli zu bekommen, wenn man einmal drin ist und es gibt auch keine Einkaufschörbli. Nochmals raus, Wägeli (gross und ohne Kindersitz) holen, wieder rein. Aaaalsooo,... ich brauche... Ich beginne, mir die angebotenen Produkte anzusehen. Es gibt alles nur einmal. Eine Sorte Müesliriegel, eine Sorte Tiefkühlspinat, eine Sorte Orangensaft, eine Sorte Milch, eine Sorte Naturejoghurt. Die Preise sind nur einmal am Regal angeschrieben, dieses besteht aus nicht mehr als einer Rückwand und schlichten Regalböden. Gemüse und Früchte sind in den Kartonschachteln, in denen sie angeliefert wurden auf einem simplen Podest ausgestellt. Da es Abend ist gibts nur noch wenig Auswahl. Hier wir wohl bloss einmal am Tag aufgefüllt. Dies erklärt auch, warum es so wenig Personal gibt, das einem im Weg steht und genau dort auffüllt, wo man etwas aus dem Regal nehmen möchte, wie das im Migros zum Leidwesen aller sowieso schon gestressten Kunden an der Tagesordnung ist. Wie ich mich so im Laden umschaue, fällt mir auf, dass ich über sämtliche Regale hinwegblicken kann. Schon vom Eingang vorne rechts aus sehe ich zum Käsekühlregal hinten links. Es ist, als wäre ich auf Nahrungssuche in die Tundra geraten. Sonst fühlte ich mich beim Einkaufen in der Migros eher wie David Livingstone im kongolesischen Dschungel. Undurchdringliches Dickicht, hohe Bäume, gefährliche Tiere, fleischfressende Pflanzen und tödliche Krankheiten.
Ich sammle also meine Einkäufe ein. Und das Sammeln, das will betont sein, einer der lebenserhaltenden Urtriebe des Menschen, kann man hier noch richtig ausleben. Nicht wie in der Migros, wo man so eine Riesenauswahl hat und es ein Wunder ist, wenn man bei dem überdimensionierten Angebot nicht in die unüberwindbarsten Entschiedungsschwierigkeiten gerät. Ja sind wir ehrlich, in der Migros werden einem die Dinge ja beinahe hinterher geschmissen. Man denke schon nur an die prall mit irgendwelchen Güezi, Schoggi und Täfeli gefüllten Fächer zwischen den beiden Rolltreppengeländern, wie man sie in allen zweistöckigen Migrosfilialen findet. Wenn die Migros das Schlaraffenland ist, wo einem die gebratenen Täublein in den Mund fliegen, dann ist Aldi die Realität, wo vor dem kulinarischen Vergnügen noch die Arbeit kommt.
Ich schaue mich also um. Plötzlich fällt mir auf, dass es weder Radiogesäusel noch Druchsagen gibt. Das ist ja immer der höchste Grad an Peinlichkeit in der Migros: "Es isch wider Winter. Für gnue Wermi giz iz blickdichti Damänäilenschtrümpf im Zänerpack für numä 14. 90 Frankä! Chömet cho luege i üserä Ungerwöschabteilig!", gesprochen von einer montonen männlichen Langweilerstimme, die versucht ansteckend zu wirken. Im Aldi, aber, ist es still. Offensichtlich gehört das Antreiben der Kauflust bei den Kunden durch die kontinuierliche Berieselung mit Musik oder Werbedurchsagen auch zu dem Unwesentlichen, das es laut Aldi-Website wegzulassen gilt. Die monatlichen Billaggebühren von 18. 65 Franken für den kommerziellen Radioempfang Kategorie I (1-10 Geräte) mögen sie hier nicht aufwenden. Aldi ist eine Ruheoase im stressigen Alltag der berufstätigen unteren Mittelschicht. Die Migros ist im Vergleich dazu eine Turnhalle, wo die Einkaufenden im Rhythmus temporeicher Musik von Regal zu Regal flitzen und ein Trainer ihnen hinterherschreit: "Du musst noch in die Kosmetikabteilung, bevor alle anderen dir die 3 für 2-Shampoos für unschlagbare 6. 90 Franken weggeschnappt haben!" Das Drehtürchen am Eingang zur Ladenfläche ist der Startblock, die Ziellinie ist die Kasse, und wems noch nicht schnell genug geht, der kann ja noch an eine Expresskasse gehen, sofern er nicht mehr als vier Artikel zu bezahlen hat, also nur eine Kurzstrecke gelaufen ist und nicht einen Marathon, wie alle anderen.
Ich habe alles was ich brauche und gehe an die Kasse. Plastiksäcke kann man hier nur kaufen. Es gibt nur eine Sorte. Ich bezahle und gehe entspannt nach Hause mit der Meinung, dass ich noch nie so effizient eingekauft habe wie heute. Eben nur das Wesentliche.
Dienstag, 11. November 2008
Artikel Nr. 13 - Verdreh mir den Kopf
Ich habe wieder einmal eine grundlegende Antwort zu einer meiner immerbrennden Fragen gefunden. Die Frage, ob ich jemals eine echte Revolution erleben werde. Mir gefiele einfach die Vorstellung, Teil eines für die Menschheit bedeutenden Umschwungs zu sein. "Ich habe es erlebt und nun mach ich es anders, genau wie alle anderen." Das hätte irgendwie ein gemeinsamkeitstiftendes Moment. Es muss ein tolles Gefühl sein, wenn man sagen kann: "Ich war beim Berliner Mauerfall dabei." Doch schon hier treffen wir auf Schwierigkeiten. Oft ist man nur indirekt beteiligt. Zum Beispiel haben wir alle kürzlich die Wahl des ersten schwarzen US-Präsidenten erlebt. Doch war ich als aussenpolitisch passive Schweizerin wirklich dabei? Ein anderes Problem ist, dass sich Revolutionen meistens nicht Schlag auf Schlag ereignen. Man denke an die Erfindung des Buchdrucks. Wie lange hat es gedauert, bis diese Innovation ihre Wirkung vollumfänglich entfaltet hatte? Ich würde darum behaupten, dass sich meteoriteneinschlagsmässige Revolutionen nur dann ereignen können, wenn sich vorher eine Situation zum Unerträglichen zugespitzt hat, z. B. beim Fall der Berliner Mauer. Dann muss ich mich aber glücklich schätzen, dass ich dies nicht erlebt habe, denn ich glaube, dass dieses Erlebnis den zuvor erfahrenen Schaden nicht ausgleichen kann.
Glücklicherweise bin ich aber auf einer skizzenhaften Zeitreise durch meine eigene Entwicklungsgeschichte auf etwas gestossen, was mein Verlangen nach dem Miterleben einer Revolution zu einem grossen Teil befriedigte. Dazu muss ich eine grobe Definition davon wagen, was ich als Revolution bezeichne. Es ist eine Untergrabung von bisher befolgten Prinzipien, das plötzliche Auftauchen einer entgegengesetzten und dennoch funktionierenden Art und Weise etwas zu tun, zu sehen, zu denken, zu gestalten und auch eine Befreiung aus festgefahrenen Normen, die neue Möglichkeiten in Aussicht stellt. Zu abstrakt? Nun, was ich mit dem Begriff meiner eigenen Entwicklungsgeschichte auftun wollte war, dass ich besonders als neugieriges Kind viele Dinge als Revolution im vorher beschriebenen Sinne erfahren habe. Ein schönes Beispiel ist mein Erleben von Musik. Meine ersten Begegnungen mit improvisierter Musik unterschieden sich dermassen von dem was ich bisher kannte, klassische Musik meiner Eltern und Kinderlieder, die so und nicht anders zu tönen hatten, dass diese Erfahrung bei mir hocheuphorische Gefühle auslöste. Es war schier unglaublich, dass der Gitarrist jetzt plötzlich einfach so irgendetwas spielt, was ihm gerade in den Sinn kommt und dass es auch noch gut tönt! So begann auch ich mit Musik zu experimentieren.
Nun, was lernen wir daraus, respektive, was ist das Grundlegende, das ich daraus erkannt haben will? Es ist, dass Revolutionen in unseren Köpfen statt finden und sie deshalb auch ganz klein und persönlich sein können. Dies impliziert natürlich auch, dass wir Revolutionen erst nachträglich erfahren und auch als solche erleben können.
Ich möchte noch anfügen, dass der aufmerksame Leser meines Blogs hier wieder die smeagolische Tendenz meines Charakters erkannt haben kann, diesen Drang zur "Schatzsuche" der mich in meinem Alltag stets begleitet, mit dem Ziel, etwas zu finden, das meine Neugierde befriedigt, mir irgendwelche Vorteile bringt, oder mich glücklich macht. Bestimmt ist die Jagd nach Revolutionen eine Ausprägung davon. Ich will die Revolution, ich suche sie, denn ich hoffe darin ein Stück von Glück, Reichtum und Erfüllung zu finden. Bin ich die einzige?
Samstag, 18. Oktober 2008
Artikel Nr. 12 - Beziehungsmissklänge
Ich lebte seit ungefähr acht Jahren in einer Beziehung. Wir kannten uns schon von früher. Unsere seltenen Treffen hatte ich damals immer sehr vergnüglich empfunden. Wir begegneten uns später am Gymnasium wider. Da kamen wir auch zusammen. Es funktionierte wunderbar. Wir hatten viel Spass, haben viel unternommen, viele schöne Momente erlebt. Es gab auch kleinere Krisen, die wir aber jedes mal meisterten. Für uns war klar, dass wir nicht aufgeben würden wegen kleinen Problemen. Nach dem Gymnasium lebten wir unsere Beziehung locker weiter. Wir waren zwar offiziell zusammen, aber wir liessen einander genug Freiraum, um die Welt zu erkunden. Eifersucht war nie ein Thema. Dann begann das Studium und wir machten so weiter. Es schien gut zu gehen so. Im Sommer vor einem Jahr beschlossen wir aber in den Ferien, dass es an der Zeit war, näher zusammen zu rücken. Wir wollten eine Beziehung für die Zukunft aufbauen, Werte schaffen, Pläne schmieden und ausführen. Es war eine schöne Zeit voller Aufbruchstimmung, Mut, Leidenschaft, Nähe. Wir planten uns für immer zusammen zu schliessen. Machten dies offiziell im Mai. Es lief alles perfekt, wir passten einfach wie zwei Puzzleteile zusammen, hatten die gleichen Vorstellungen. Doch dann, ich weiss nicht, was mit ihm passiert war. Er fing an dauernd Dinge von mir zu fordern, ich sollte dies und das als seine zukünftige Frau. Ich merkte, wie ich abblockte, ich fing an ihm auszuweichen, verspürte oft Unlust ihm gegenüber. Als er auch noch mit der Idee kam, wir sollten unserer Liebe lebendige Taten folgen lassen und mich auf penetrante Weise dazu zu überreden versuchte, platzte mir der Kragen. Ich merkte, dazu bin ich nicht bereit, das will ich alles gar nicht. Ich will es so einfach, wie es war, als wir die Sache locker führten. Wir haben zusammen diskutiert. Ich sagte ihm, dass ich es unheimlich schade finden würde, wenn das Ganze nun einfach so den Bach runterginge. So viel Zeit und Kraft hatten wir da rein investiert. Er gestand dies auch ein. Mit viel Aufwand hätten wir es wieder hinbiegen können. Doch ich fragte mich, ob es dann wieder so wäre wie vorher. Und da hatte ich grosse Zweifel. Denn wir lebten beide nach dem Ganz-oder-gar-nicht-Prinzip. Das hätte starke Kämpfe und grosse Kompromisse bedeutet. Nein, ich kam zum Schluss, dass es vermutlich besser wäre, wenn wir einen Schlussstrich ziehen würden. Auch wenn ich mich durchaus noch von ihm angezogen fühle, werde ich in Zukunft auf Distanz gehen. Freundschaft, ja das werde ich immer für ihn empfinden, aber ich bin nicht mehr bereit, von ihm beansprucht zu werden. Vielleicht ist es auch einfach ganz vorbei, wer weiss...? Tja, aber ich bin mir jetzt sicher: für immer passen wir nicht zusammen, ich und er, der Gesang.
Artikel Nr. 11 - Futuristische Seifenoper
Als ich kürzlich in der Juristischen Bibliothek sass und eigentlich lesen wollte, kam mir angesichts des unbekannten Terrains, auf dem ich mich befand, eine langvergessene Frage wieder in den Sinn: Was ist mit der Zukunft? Ich hatte mich das schon lange nicht mehr gefragt und ging ein bisschen auf Forschungstour in meiner Erinnerung. Als Kind stellte ich mir vor, wie wir im Jahr 2000 alle mit Lichtgeschwindigkeit in kleinen Flugmaschinen lautlos herumflögen, oder uns sogar von Ort zu Ort beamen könnten, wie wir Wissen in Pillen schluckten, Roboter unseren Haushalt machten und wie Pickel mit einer Impfung für immer zum Verschwinden gebracht würden. Kurz vor dem Jahrhundertwechsel kam dann der Millenniumhype und wir fürchteten uns, vielleicht weil wir das alles noch nicht erreicht hatten, die Welt könnte (endlich, gäu Uriella) untergehen, wenn wir ins neue Zeitalter übertraten. Vermutlich haben uns aber unsere anderen grossen technischen Errungenschaften wie das Internet oder die mobile Telefonie vor dem Verderben gerettet. Ehrlich gesagt, wir sind doch schon sehr weit gekommen in unserem Forschen und Weiterentwickeln und es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie es weitergehen könnte. Noch besser, schneller, kleiner, leichter? Wird es sogar noch Revolutionen geben? Wie ich mich also unter zukünftigen JuristInnen befand kam mir der Gedanke, dass sich ein Fortschritt in der Art von technischen Neuerungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Kunst oft nicht erkennen lässt. Den unmittelbaren Bezug zur Umwelt und den gewöhnlichen Menschen, der ursprünglich ihr Nährboden war, hat die Kunst schon lange verloren. Ein Kunstwerk hat heute nicht mehr wie zum Beispiel in frühchristlicher Zeit den Zweck, die Heiden zum Christentum zu bekehren, nein, es bezieht sich auf sich selbst, behandelt systemimmanente Probleme, verweist im besten Fall auf andere Kunst.
Wie eine Seifenblase, einmal durch den Ring geblasen, löst sie sich davon ab, schwebt, hält sich selbst und irgendwann...
Denn ist irgendwann nicht alles gesagt, gemalt, gebaut? Was dann? Glücklicherweise ist aber auch die Kunst was ihre Gattungen betrifft mit der Zeit mitgegangen. Die Entwicklungen der Technik macht sie sich zu Nutzen. Eine virtuelle Kunst ist entstanden, eine neue Realität, aus Strom und Zahlen. Die Materialität, unbeirrbare Zeugin der Wirklichkeit und Ursubstanz aller Kunst, ist überflüssig geworden. Ist das Fortschritt? Kommen wir Menschen aus Fleisch und Blut da noch mit? Wird unser Körper einmal hinfällig, der Geist befreit? Sind wir jemals nur noch Gedanke, Zahl, Impuls? Mit dieser Vorstellung spielt Second Life. Von Philip Rosedale Mitte der 90er Jahre entwickelt verbringen gewisse Freaks mittlerweile ihr ganzes reales Leben in dieser virtuellen Welt. Sie verdienen Geld, bauen sich ein Haus, heiraten, haben Kinder und führen ein ganz normales Leben in einer Welt, in der man eigentlich gar nicht leben kann. Sie vergessen plötzlich, dass sie menschliche Bedürfnisse wie Schlaf oder Hunger haben und verenden wie verirrte Wale am Strand; Wenn sie gemerkt haben, dass sie sich nicht mehr im richtigen Element befinden, ist es schon zu spät. Auch die virtuelle Realität scheint mir
wie eine Seifenblase, einmal durch den Ring geblasen, löst sie sich davon ab, schwebt, hält sich selbst und irgendwann...
Das kann also nicht die Zukunft der Menschheit sein, wenn wir den Fortbestand unserer Gattung sichern wollen, auch in Anbetracht der drohenden Umweltverschmutzung. Vielleicht sollten wir es mit etwas anderem versuchen. Wir müssen die Orientierungslosigkeit unserer Generation eindämmen, endlich wieder eine Lebensform finden, die vorbehaltlos funktioniert. Wir sollten uns angemessene Lebensräume schaffen und das in der materiellen Wirklichkeit. Als ich die juristische Bibliothek verliess war ich noch total in Gedanken darüber versunken, wie wir das anstellen müssten. Im Bahnhof wurde mir dann ein Heft in die Hand gedrückt. Nein, diesmal versuchten nicht die Zeugen Jehovas mein Leben zu verändern, sondern die Stadt Bern. "Eröffnung Westside" stand vorne drauf. Yes, das Raumschiff ist gelandet! Tritt ein, hier kannst du dein Leben verbringen. Es gibt hier alles, was man braucht: Läden für Kleider, Lebensmittel, Luxusgüter, Restaurants, Banken, ein Hotel, ein Altersheim, eine Tankstelle, ein Hallenbad, Kinos, und und und. Das muss mein neuer Lebensraum sein! Eine autarke künstliche Biosphäre. Und plötzlich habe ich eine Vision von der Zukunft: die Menschheit versammelt sich im Westside in Bern. Die Triebwerke werden gestartet und das gesamte Einkaufszentrum inklusive landwirtschaftlichen Nutzflächen hebt mit einem lauten Brummen von der Erdoberfläche ab und trägt uns aus der Atmosphäre ins unendliche Universum hinaus. Doch ist das nicht auch irgendwie
wie eine Seifenblase, einmal durch den Ring geblasen, löst sie sich davon ab, schwebt, hält sich selbst und irgendwann...
Freitag, 12. September 2008
Artikel Nr. 10 - Um-ziehn! Aus-ziehn!
Sollte das eine Prüfung sein? Warum muss ich ausgerechnet in der schwungvollsten Phase meines Lebens auch noch von zu Hause ausziehen? Man glaubt kaum, wie hart man auf den Boden der Tatsachen geworfen wird, wenn man es wagt, in seinem Leben eine so radikale Änderung vorzunehmen, wie eben zum Beispiel fortan seinen Alltag alleine zu bewältigen, für das Funktionieren des Haushalts die Verantwortung voll und ganz zu übernehmen. Ich hab damit sowas wie Seelenstriptease vor mir selbst gemacht. Ich habs bis zum Nullpunkt geschafft, bis zu dem Punkt, wo man nichts mehr hat ausser sich selbst und den Moment, in dem man sich gerade befindet, die pure Gegenwart und dies komplett schutzlos. Das heisst, ich war gezwungen zu handeln und wenn ich es nicht getan hätte, dann wäre alles drunter und drüber gegangen. Nun hat mich das Leben zwar wieder in seinen ihm eigenen alltäglichen Sog aufgenommen, aber ich bin immer noch am Handeln, kann nicht zurück, muss.
Der Schwung in meiner momentanen Lebensphase kommt unter anderem auch von meiner Aufnahme in den Vorkurs an der Jazzschule in Bern zu tun. Darum drehen sich die meisten der letzten Entwicklungen in meinem Leben. Entgegen meiner Erwartung aber, dass ich mich dort so richtig pudelwohl fühlen würde, habe ich mich auch einen Monat nach Beginn noch nicht so richtig eingelebt. Um etwas Klarheit zu schaffen will ich hier eine zum Thema dieses Eintrags passende Metapher einfügen: Ich bin sozusagen aus meiner Eigenbrödler-Egosängerinnen-Höhle umgezogen in das Professionelle-Musiker-Internat. Will heissen, ich muss jetzt so, wie es mir von aussen diktiert wird, genauso wie ich jetzt den Haushalt selbst machen muss, weil es das alltägliche Leben so will. Und genauso wie es im Moment noch hapert mit dem organisierten Haushalt (oder auch dem organisierten Blogeintragschreiben) wo jeder weiss wann und was er zu tun hat, so will es auch noch nicht ganz mit dem Einordnen in diesem musikalischen Trainingslager.
Und zudem fühlt es sich an wie unfreiwilliger Seelenstriptease, wenn meine neue Gesangslehrerin sich drei Lektionen Zeit nimmt um mich "kennen zu lernen", mich "z gschpürä" und mir dann sagt, was meine Probleme sind. Sie meinte, mein Kopf sei mir im Weg, stehe im Prinzip zwischen Gefühl und Stimme. Ich fühlte mich ertappt, weil mein Kopf durchwegs meine Gefühle behindert.
Ja, in neuen Situationen lernt man sich selbst wohl am Besten kennen, dann, wenn andere Leute oder das Leben selbst einem den Spiegel vorhalten. Leider werden beim Auftauchen dieses Phänomens viele Fragen aufgeworfen, die man weder schnell beantworten, noch leicht verdrängen kann. Fragen nach Sinn, Wille, Nutzen und den alltäglichen Träumen. Und danach, ob das alles eine Prüfung ist.
Freitag, 15. August 2008
Artikel Nr. 9 - Magnüm

Gopf! Schon wieder reingefallen! Und zwar bei einer ziemlich sicheren Nummer: Bei einer Glace. Hab ich die neue Magnum Temptation noch als träfes Bildli bei meinem sechsten Artikel hinzugefügt und mir ins Fäustchen gelacht über all die, welche sich so ein Glässeli mit ernsthaften grossen Erwartungen zu Gemüte führen. Ja, ihr habts erraten. Ich hab auch eins gschläcket. Und insgeheim war meine Hoffnung auch, demütig geb ichs zu, dass die Glace nicht nur gut, sondern ein nochniedagewesenes Geschmackserlebnis ist. Jaaah, es war nicht so! Hackt doch auf mir rum wegen meiner trieblichen Dummheit! Scheisse, ich vergrab mich und komme nie mehr aus meinem Versteck hervor. I Magnüm! Ach, die Verpackung sieht wirklich verlockend aus: ein Kartonschachteli in edelstem Braun und Gold. Ein Siegel verschliesst den Deckel. Reisst man es auf, so springt letzterer auf und es werden einem die ausgewählten Zutaten präsentiert: Vanille aus Madagaskar, Schokolade aus Belgien und Mandeln aus Kalifornien (PS: Nicht USA, nein, Kalifornien! Pff!). Fehlt nur noch der Soundtrack irgendwo zwischen Kuschelelektro und Disneykitsch. Im Innern dann, welches uns in strahlendem Gold erscheint, gebettet auf einem braunen Schoggiwellenpapierli liegt ES. Das Eis-am-Stiel, das uns verführen soll. Wie ich es herausnehme will ich nur eins: seine sinnlichen Rundungen mit meinen Lippen und meiner Zunge erkunden. Ich will es - ESSEN!
Ja, den Rest könnt ihr euch selbst ausmalen. Es war einfach ein Vanilleeis mit Schoggi rundherum und Mandeln und Caramel drin. Ich will nicht sagen, dass uns die Unilever bescheissen will, aber sie spielt doch sehr unfair mit unseren Gefühlen! Ich schreibe dies mit Tränen in den Augen. Ich halte es nicht mehr aus! Die Natur gewinnt immer über meine Moral und Sittlichkeit. I Magnüm!
Ich fühle mich verarscht, meine Neugierde und Abenteuerlustigkeit, die mich doch schon so weit gebracht haben im Leben, werden skrupellos gelockt und dann blossgestellt. Womit hab ich das verdient??? Ich hasse Glace! Ich hasse Magnum! Ich hasse die Unilever! Ich hasse die Natur! Ich hasse die Welt! Euch alle!!!
Dienstag, 29. Juli 2008
Artikel Nr. 8 - Lebe deinen Traum - aber welchen?

Es ist mir in letzter Zeit aufgefallen, dass es möglich wäre, dass aus mir etwas ganz anderes geworden wäre, als es jetzt danach aussieht. In jedem Leben gibt es Momente, wo man eine Entscheidung fällt, oder eine Entscheidung für einen gemacht wird, welche dann auf die Zukunft eine prägende Wirkung hat. Beginnen wir am Anfang, respektive ungefähr da, wo ich in der Lage war, selbst Entscheidungen zu treffen.
Ich wollte mit etwa vier Jahren gerne Ballett tanzen. Meine Eltern brachten mich also in einen Ballettkurs. Wenn dieses Unternehmen nun erfolgreich gewesen wäre, dann würde ich vielleicht heute noch Ballett tanzen oder einen anderen Stil, vielleicht mehrere, ausüben. Ich wäre sehr sportlich und würde mich um eine professionelle Tanzausbildung bemühen. Oder das Tanzen wäre mein liebstes Hobby. Nun ist es aber nicht so gekommen. Nach der ersten Lektion hatte die Ballettlehrerin irgendwie genug und die Leitung des Kurses ging an eine andere Tanzlehrerin über, welche ihre Schüler aber nicht wahnsinnig gut im Griff hatte und ich deshalb wöchentlich einmal mit einer Gruppe wilder Kinder das Chaos zelebrierte. Gut. Weiter in meinem Leben. Ich hatte während meiner Schulzeit immer wieder ändernde Berufswünsche: Kindergärtnerin, Zahnärztin, Architektin, Papiertechnologin, Polizistin, Psychologin und irgendwann wollte ich Damenschneiderin werden. Dies hätte sehr gut passieren können, denn es war meine Alternative zum Gymnasium. Hätte ich also die Gymeraufnahmeprüfung nicht geschafft, wäre es wohl soweit gekommen. Ich plante, nach der Lehre an eine Designfachhochschule zu gehen und Modedesignerin zu werden. Womöglich wäre ich nun an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich und studierte Design. Möglich wäre es. Ich zweifle nicht an meinen grundlegenden Fähigkeiten, wenn ich sie früh genug in diese Richtung ausgebildet hätte. Aber eben, ich setzte meine schulische Laufbahn am Gymer Seefeld fort. Die nächste Entscheidung war das Schwerpunktfach. Bildnerisches Gestalten oder Musik. Beides interessierte mich etwa gleich stark. Ich entschied mich für Musik, da ich erst seit kurzem die Freude am Singen entdeckt hatte und mich die Möglichkeit lockte, gratis Gesangsunterricht zu erhalten. Bevor wir hier aber weitermachen, nochmals zurück zum Bildnerischen Gestalten. Hätte ich damals in den Tagen meiner Entscheidung zum Beispiel eine interessante Begegnung mit der bildenden Kunst gehabt, wäre die Wahl womöglich auf diesen Schwerpunkt gefallen. Und hätte ich BG gemacht, hätte mich mein Weg an viele verschiedene Orte hinführen können. Zum Beispiel trotzdem in den textilen Bereich, mein Interesse daran war ja noch recht frisch in dem Moment. Oder, wie später passiert, zum Kunstgeschichtsstudium. Oder ich hätte eine andere künstlerische Laufbahn eingeschlagen und an der HGKZ (Die dient mir jetzt als Ideendepot. Dort könnte man übrigens auch Tanz studieren...) ein gestalterisches Studium angefangen. So kam es aber nicht. Ich entschied mich für die Musik und begann intensiv zu Singen. Zunächst interessierte mich ein Studium des klassischen Gesangs. Eine Dozentin der Hochschule der Künste Bern riet mir aber bei einem Vorsingen davon ab. "Versuchs doch vielleicht an der Jazzschule", meinte sie. "Nie im Leben!", dachte ich. Jazz war mir fremd wie die Urbevölkerung des brasilianischen Urwalds. Naja, ich entwickelte schon bald andere Pläne. Am Ende des Gymers wollte ich nach Wädenswil am Zürichsee gehen und dort Facility Management (Betriebswirtschaft) studieren. Mich faszinierte die Vielseitigkeit, die das Studium und die späteren Tätigkeiten versprachen, welche sich alle im hauswirtschaftlichen Bereich bewegen. Allerdings musste ich nach drei Monaten als Tellerwäscherin in einem Restaurant feststellen, dass ich das Haushalten wohl besser als Hobby weiterführe. Es war mir zu wenig kreativ und zu körperlich anstrengend, sich dauernd mit Haushaltsgegenständen, der Instandhaltung von Geräten und Gebäuden und hauswirtschaftlichen Abläufen zu beschäftigen. Ich ging also für drei Monate nach England um ein bisschen zu verlüften, ohne grosse Vorstellung von der Gestaltung meiner nahen Zukunft. Als ich zurück kam, machte ich ein Praktikum beim Thuner Tagblatt und konnte es mir gut vorstellen, später mal als Journalistin zu arbeiten. Dafür musste ich aber sehr wohl ein Studium hinlegen und ich entschied mich eines schönen Frühlingstages im Jahr 2006, mehr oder weniger aus heiterem Himmel, zum Studium der Kunstgeschichte und der Germanistik. Zu Beginn des Studiums hatte ich aber immer noch keine Ahnung, was ich später mal damit anfangen wollte. Zumindest aber wollte ich nicht mein ganzes Leben an der Uni verbringen. Es kam aber im Sommer 2007 soweit, dass ich mich entschied, es doch noch mit dem Singen zu versuchen. Und diesmal nicht mit Klassik, sondern, o welcher Sinneswandel, mit Jazz, welcher mir in der Zwischenzeit ans Herz gewachsen war. Innerhalb von wenigen Wochen meldete ich mich am Konservatorium Bern zum Jazzgesangsunterricht an, ein paar Monate darauf sang ich in einer Band an der Thuner Musikschule. Meine Anstrengungen wurden schon bald mit erfolgreichen Auftritten und positiver Resonanz belohnt und ich schaffte schliesslich auch die Aufnahmeprüfung für den Vorkurs der Jazzschule, welcher nun in wenigen Wochen beginnt. Der Weg für die Zukunft als Sängerin scheint an diesem Punkt geebnet zu sein. Doch letztlich beschlichen mich ein paar Zweifel. Ich war nämlich auf einer Exkursion mit den Kunstgeschichtlern. Trotz anstrengendem 11-tägigem Programm riss meine Begeisterung für das Thema nicht ab und der Professor meinte sogar ganz vertraulich, ich mache das ja schon ganz gut, besonders in Anbetracht meiner doch erst recht kurzen Studienzeit von zwei Jahren. Vor einer Woche war ich dann noch an einer Besprechung mit einem meiner Dozenten, dem ich von meine musikalischen Plänen erzählte. Er meinte, er fände es sehr schade, wenn ich aufhören würde mit der Kunstgeschichte, ich sei ja so talentiert. Na toll. Und jetzt? Im Moment weiss ich nicht, wofür ich mich in gut einem Jahr nun definitiv entscheiden werde. Klar ist aber, wenn ich weiter studiere, dann will ich an der Uni forschen. Das hatte ich interessanterweise zu Beginn meines Studiums, wie breits erwähnt, nicht im Sinn. (Bemerken möchte ich aber an dieser Stelle, dass mich das Forschen und Entdecken schon in der Kindheit sehr gereizt hat. Hier schlägt sich auch wieder eine Brücke zum Smeagol in mir. Siehe Artikel Nr. 4.)
Aus Erfahrung, wie sich gezeigt hat, möchte ich mich jetzt aber nicht weiter aus dem Fenster lehnen und irgendwelche Prognosen über den tatsächlichen Ausgang meines Dilemmas anstellen. Fakt ist aber, dass es zwar schön klingt, viele Talente und die Wahl zu haben, es ist aber auch sehr anstrengend, dauernd zwischen seinen vielen Interessen und Möglichkeiten hin und her gerissen zu sein. Man kann nicht mehr als etwas zu hundert Prozent tun und wollen. Aber ebenfalls aus Erfahrung sage ich, dass sich dies alles schon irgendwie von selbst entscheiden wird, wenn die Zeit reif ist. In der Zwischenzeit träume ich halt doppelt: Von akademischer Ehre und künstlerischem Ruhm.
Mittwoch, 16. Juli 2008
Artikel Nr. 7 . Der Anti-Knigge für Servierdüsen

Oder: Was würde dich als Gast in einem Restaurant am meisten empören? Ein paar Vorschläge. Bitte bildlich vorstellen.
- Z Frölein putzt die Sitzflächen der Stühle und Bänke und bittet dich aufzustehen, während dem du noch am Essen bist.
- Z Frölein räumt deinen Teller ohne zu fragen ab, nach dem du gerade eben erst den ersten Bissen genommen hast.
- Z Frölein macht den Vorkoster und benützt dafür dein Geschirr und Besteck, ohne es zu ersetzen.
- Z Frölein findet beim Vorkosten dein Rindsentercôte so gut, dass es nochmals ein grosses Stück davon für sich abschneidet.
- Z Frölein hinterlässt auf deinem Weinglas einen Lippenstiftrand.
- Z Frölein wischt dir mit angefeuchtetem Finger einen Fleck Tomatensosse von der Wange.
- Z Frölein schwauderet beim Servieren und wischt danach von Hand die Spaghetti Bolognese über den Tischrand zurück auf deinem Teller.
- Z Frölein stibitzt im Vorbeigehen das Biskuit von deiner Glace und grinst und kichert dabei wie ein frecher Gof.
- Z Frölein rät dir von einem Dessert ab, da du so dick bist.
- Z Frölein möchte gerne in die Zimmerstunde und bittet dich unverfroren, doch ein bisschen schneller zu essen, damit es nachher abräumen und einkassieren kann.
- Z Frölein fragt nach mehr Trinkgeld. Etwas zweistelliges fände es angemessen, wo du doch einen Kaffee getrunken hast!
- Z Frölein entdeckt in deinem Portemonnaie Fotos von deinen Nichten und Neffen, als du dein Geld herauskramst. Es reisst dir das Portemonnaie aus den Fingern und meint laut: "Iiih, di xe ja hönnä tumm us!"
- Z Frölein leckt nach dem Einschenken die herabrinnenden Weintropfen vom Flaschenhals.
- Z Frölein serviert mit brennender Zigarrette im Mundwinkel und drückt diese auf deinem Tellerrand aus, wo es sie auch liegen lässt.
- Z Frölein macht einen sexistischen Witz und findet, dass in deinem Ausschnitt mehr Fleisch ist, als in deinem Teller.
- Z Frölein bringt das verlangte Ketchup und spritzt dir ohne dich zu Fragen davon über den ganzen Teller.
- Z Frölein ermuntert dich, nachdem du fertig gegessen hast, zu rülpsen und bietet an, dich auf die Toilette zu begleiten.
- Z Frölein missbilligt deine Bestellung und äussert seine Meinung frei: "Wäh, Bluetwürscht! Ds isch doch so zum chotzä!"
- Z Frölein versucht mit Gewalt, dir die Essensreste, die du auf dem Teller gelassen hast, in den Mund zu stopfen, denn es findet, Essen wegwerfen sei eine unmoralische Vergeudung.
- Z Frölein sagt dir, dass deine Frisur scheisse sei und wuschelt dir in den Haaren herum, angeblich zur Verbesserung.
Genug gehabt? Flüchtest du endlich aus dem Restaurant? Wart nur, vielleicht erwisch ich dich mal woanders...!
Freitag, 11. Juli 2008
Artikel Nr. 6 - Und führe uns nicht in Versuchung

Ich habs doch getan. Ich konnte einfach nicht anders. Ich hab vorgestern Morgen das Spielzeug aus der Kelloggspackung gefischt. Natürlich war es wieder mal nur irgendso ein Scheiss. Den grössten Spass damit hatte ich noch mit dem Zusammensetzen und Küderen. Funktionieren tuts nicht und so fläschig wie auf der Packung siehts auch nur in den Träumen von einfältigen Modellflugzeugfanatikern aus. Tja, manchmal ist die Versuchung gross und man denkt, entgegen den bisherigen Erfahrungen oder den Verboten und Gesetzen der Gesellschaft oder wem auch immer, man könnte doch eigentlich davon profitieren, wenn man nachgibt. Und wenn man dann nachgegeben hat, dann hat man eben dann doch den Salat. Das war schon bei Adam und Eva so. Frucht vom Baum der Versuchung gschnouset und gedacht, sie würden dann klug und könnten selbst über sich bestimmen und schwups, schon landen sie vor den Toren des Paradieses im Dreck. Die Enttäuschung ist gross und ebenso die Wut über sich selbst. Hätte man doch nicht...! Ich weiss aber, wo man nur gewinnen kann, wenn man der Versuchung widersteht. Man geht ins Restaurant und nimmt die Dessertkarte. Man weidet seine Augen an den frostig-fruchtigen Auen des Glaceparadieses und pickt einen riesigen Coupe heraus. Mit Schoggisosse, frischen Früchten, Rahmglace, Mandelkrokant, Schnaps, Sorbet oder weiss der Gugger was. Hier wird man ganz sicher nicht enttäuscht.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern ins Restaurant!
Freitag, 4. Juli 2008
Artikel Nr.5 - Fühl dich wie zu Hause!

Hat das schon mal jemand zu dir gesagt? "Fühl dich wie zu Hause. Wenn du was brauchst, dann nimm es einfach." Wie nett. Doch überlegen sich die Leute eigentlich, welche schwerwiegenden Folgen dieses Angebot haben könnte? Die wissen ja nicht, was ich bei mir zu Hause alles mache! Ich bin mir totensicher, sie würden sich ihre Worte und sich selbst hinter Schloss und Riegel wünschen, wenn sie sähen, wie ich mich bei ihnen zu Hause füdleblutt vor den Fernseher setze, einen Champagner aus ihrem Kühlschrank direkt ab Flasche trinke und nach jedem grossen Schluck genüsslich und lange rülpse, so dass die Bilder an den Wänden in Schieflage geraten. Und was würden sie sich über ihre eigene Freundlichkeit ärgern, wenn sie bemerkten, dass ich beim Öffnen der Flasche auf ihren teuren Muranoglas-Güggu gezielt habe und dieser beim Zerschlagen auf dem Boden die Katze aufgeschreckt hat, welche nicht anders konnte, als über die Scherben zu flüchten. Die Blutspuren sehen super aus auf dem schneeweissen Flokatiteppich und wie bei "Wohnen nach Wunsch" wiederholt sich das Muster auf der Bettwäsche im Elternschlafzimmer. Um ihr zu Hilfe zu eilen, jage ich der Katze hinterher. Sie klettert an den Brokatvorhängen hoch auf das leider unstabile Buffet, welches auch liegend im Esszimmer, unter sich den Mahagonyesstisch begraben, ganz hübsch ausschaut und ein gutes Grab für das Meissner Porzellan von der Urgrossmutter abgibt. Als ich die Katze endlich eingefangen habe, versuche ich das Blut in ihrem langen weissen Fell mit dem erstbesten, was mir in die Finger kommt, auszuwaschen. Kernseife verwenden auch Leute, die sich gerne ihre Haare zu Dreadlocks verfilzen lassen wollen. Ich muss die Katze rasieren. Als mir der Rasierapparat vor lauter Seife aus der Hand flutscht und ins Klo fällt, erleide ich beim Herausfischen des Gerätes einen elektrischen Schlag. Ich verheddere mich durch den Schock nach hinten geschleudert im Duschvorhang und bleibe dann tot über dem Badewannenrand hängen. Die Gastgeber freuen sich über ein zerstörtes Heim inklusive nackter Leiche und schwer verletztem und entstelltem Haustier.
"Fühl dich wie zu Hause!" Das ist doch fahrlässig! Jetzt weiss ich, warum mir all zu nette Menschen immer so unheimlich sind. Ihre Opferbereitschaft bietet den besten Nährboden für die hemmungslose Entfaltung menschlicher Triebe und die Kultivierung von gefährlicher Dummheit! Aber ich habe vorgesorgt. Für den Fall, dass das nächste Mal jemand diesen Satz zu mir sagt, habe ich mir in einer psychiatrischen Klinik ein entsprechendes Zimmer reservieren lassen. Per Knopfdruck auf ein Gerät, welches ich nun ständig am Handgelenk trage, wird ein Alarm ausgelöst und eine Spezialeinheit der Schweizer Armee evakuiert das Gebäude, in dem ich mich befinde und bringt mich an den einzig sicheren Ort, den es dann noch für mich gibt: Die Gummizelle. Das ist mein zu Hause!
Donnerstag, 3. Juli 2008
Artikel Nr. 4 - Schatzsuche oder der Smeagol in mir
Ich hab mich heute morgen beim Frühstückzubereiten dabei ertappt, wie ich ganz erpicht darauf war, das kleine Überraschungsdingsbums in der Kelloggspackung zu finden. Pah, war dieser Drang stark! Mit Müh und Not konnte ich mich dazu durchringen, es sein zu lassen und, entgegen meiner Vorstellung von einem gesunden Zmorge, diese süssen Industrie-"Flocken" zu geniessen ohne ein nutzloses Spielzeug zu fingerlen. Es würde mich interessieren, ob andere Leute auch hie und da davon träumen, eines Tages einen Schatz zu heben. Ich glaube, bei mir bestimmt dieser Trieb zu einem beachtlichen Teil den Alltag. Sitze ich vor dem Fernseher, so suche ich verbissen nach einer Sendung, die mir etwas total Neues zeigt, was ich noch nicht weiss und wovon ich, im Endeffekt vielleicht tatsächlich auch finanziell profitieren könnte. Ich träume auch schon seit langem davon, an einem heissen Sommertag mit einem Spaten in ein Erdhügelchen zu stechen und dann ein holzig-hohles Klopfen zu vernehmen, worauf ich tiefer buddle und eine alte Truhe mit einem Silberschatz ans Tageslicht fördere. Wird wahrscheinlich nie passieren. Ich besitze keinen Spaten und interessiere mich in meiner Freizeit nicht für verdächtig aussehende Bodenerhebungen. Aber interessant ist es schon, dass man solche Träumchen hegt. Hab letztens ein Lied darüber geschrieben, noch bevor ich mir über diesen meinen Charakterzug Gedanken gemacht habe. Ein Unterbewusstseinsphänomen sozusagen.
"I found something in the attic.
It is rusty and dusty and old.
And when I carefully opened its lid,
I found heaps of pure gold.
It is mine, mine, mine, mine, mine!"
Das Bild zeigt mich mit etwa 10 Jahren im Tresorraum einer Bank ein Kilo Gold in den Händen haltend.
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