Kleinfang

Das passt ja wi d Fuscht uf z Eintä uz Oug uf z Angerä.

Montag, 16. Februar 2009

Schnappschüsse aus Barcelona

Ich greife in meine Umhängebrieftasche und ziehe die Visitenkarte von einem Restaurant hervor. Vor wenigen Minuten habe ich dieses verlassen, nachdem ich dort äusserst köstlich gespiesen hatte. Im Ohr hängt mir immer noch das Stimmengewirr der Gäste, das sich mit den Klängen eines Klaviers und dem Geklapper aus der Küche mischte. Ich hatte alleine an einem Tisch sitzend drei Gänge verzehrt und Rotwein getrunken, die Leute beobachtend, die Atmosphäre in mich aufsaugend.
Jetzt stehe ich vor den Einlassschranken in der Metrostation. Ich stecke die Visitenkarte zurück. Denn was ich eigentlich herausnehmen wollte, war mein U-Bahn-Ticket.

"Du bist eine ernste Person, Isabelle", sagt er zu mir. Ich lache. "Es kommt darauf an", antworte ich und noch während ich das sage, finde ich, dass er, der mich erst seit wenigen Minuten kennt, eigentlich recht hat. Warum habe ich jahrelang das Gegenteil geglaubt?

"I've been in the banking business. I've retired lately. Now, I do all the things I'd have liked to do when I was your age. I always said: We should retire when we're thirty – for ten years and then go back to work. As I've said, I've retired recently from banking and just as I did so the stockmarket crashed. I told them: they shouldn't have let me go."

Ich will mir einen Schal kaufen und gehe zur Kasse. Dort fliegt mir ein spanischer Satz entgegen. "Em... I... don't speak Spanish", sage ich. "Is it a bressand?", fragt mich die Verkäuferin. "Em... No, no. It's for me." "For myself", denke ich, mich selbst korrigierend. Später fällt mir ein, dass ich "Yes", hätte sagen sollen, "but you don't need to wrap it up." Es ist ein Geschenk. For me, nein, myself.

Ich kaufe mir ein paar schwarze Leggings. Sie könnten mir noch etwas besser passen, aber ich will jetzt einfach welche haben. Doch kurz zuvor hatte ich noch etwas ganz anderes gewollt. Ich wollte zur Sagrada Familia gehen. Die Metrostation, welche ich benutzen wollte, wird aber soeben umgebaut und ich fand keinen anderen Zugang zu der U-Bahn-Linie die ich hätte nehmen müssen. Ich lief mehrere Male die Strasse hoch und wieder runter, verlor die Orientierung, fand sie wieder, weil ich merkte, dass ich an meinen Ausgangspunkt zurückgekehrt war. Ich ging über Fussgängerstreifen, wobei ich soeben die Unterführung darunter von der Seite her durchquert hatte, auf die ich nun wieder ging. Ich ging durch Gänge, die mich unterirdisch wieder die Strasse entlang zurückführten, die ich zuvor am Tageslicht gegangen war. Ich versuchte es zweimal beim selben Metroeingang, wobei ich jedesmal glaubte, nun endlich den richtigen gefunden zu haben. Ich drehte den Stadtplan in alle Richtungen, drehte mich um meine eigene Achse und dann auf dem Absatz um und ging in den Laden, in dem ich nun bin.

Picasso sagt mir nicht viel. Er könnte mir aber trotzdem mal verraten, was alle an ihm so toll finden.

Freitag, 6. Februar 2009

Artikel Nr. 16 - Ein Rauschen im Ohr






















Sich mit Geschichten betrinken. Das kann ich. Jeder kann das, jeder tut es. Kennst du das? Es beginnt irgendwie, du hörst einen Satz, hast einen Gedanken, siehst ein Bild und dann bist du drin und willst nur noch einsaugen. Du musst unbedingt wissen, wie die Geschichte ausgeht, nicht aber, bevor du ihren Verlauf in allen Einzelheiten erfahren hast. Du beginnst zu suchen, bist ganz aufmerksam, überlegst ganz scharf. Tiefer, tiefer versinkst du darin. Ob du isst, unterwegs bist, mit jemandem sprichst, die Zeitung liest, immer kreisen deine Gedanken um diese eine Geschichte. Tagelang, nächtelang. Ein Film in meinem Kopf, ein Theater in meinen Gedanken, dein Wort in meinem Ohr. Es ist ein einziger Rausch, enthoben dessen, was rund um dich geschieht, was real ist. Sich mit Geschichten betrinken. Das kann ich. Jeder kann das, jeder tut es. Auch die Frenchmanicureklatschtanten, wenn sie ihre Boulevardzeitungen lesen. Besonders sie, sie sind regelrecht süchtig. Die Qualität des Inhalts ist egal. Hauptsache billig und wirkungsvoll. Sie saugen die Geschichten in sich auf, während ihre Modellflugzeugehemänner im Wirtshaus an ihrem Bierglas nippen. Und beim zu Bett gehen sind sie alle beide besoffen und schlafen ihren Rausch aus. Doch auch am nächsten Morgen sagt ihnen ihr Kopf, dass da etwas war, gestern. Auch die Herzschmerzmädchen tun es, wenn sie sich jeden Abend ihre Fernsehserien in Serie reinziehen. Völlig absorbiert. Und in ihren Träumen spielen die Schauspieler weiter. Ihre Lieblinge werden ihre Liebhaber und den ganzen Tag danach denken sie an die vergangene Nacht. Auch sie sind süchtig. Sie müssen unbedingt wissen, wie es weitergeht. Am nächsten Abend. In der Zwischenzeit wird die Erinnerung durchsucht. Sucht. Sich mit Geschichten betrinken. Das kann ich. Jeder kann das, jeder tut es. Auch die Playstationbuben, die Zeitungskaffeegeniesser, die Lebenundlebenlassenstudenten, die Partybürolisten, die Weltverbesserergynäkologen, die Wörterbuchkinder und Kopfhörerrucksacktouristen. Kannst du es auch? Komm, schau mir in die Seele. Tiefer, tiefer. Schau, schau in das Glas. Tiefer, tiefer. Nimm noch einen Schluck. Noch einen, ja. Betrink dich an meiner Geschichte. Mein Schmerz in deinem Herz, mein Schicksal unter deiner Hühnerhaut, mein Wort in deinem Ohr. Und ich hab ein Lied im Ohr, eine unfertige Geschichte, eine angebrochene Flasche.

I only get drunk on white wine...

Wir haben alle unsere Geheimnisse, Geschichten, Süchte. Kommen nicht los, sind eingesogen, haben eine Fettleber. Unvollendete Lieder, angebrochene Flaschen, Leichen im Keller. Und ich hab wieder ein Lied im Ohr, einen  Loose-end-Gedanken, ein halbleeres Glas.

There is something inside me,
something you cannot see,
but when you touch it you can feel it:
The scar on my soul.

Wirkt der Alkohol? Spürst du meine Narbe? Wie schmeckt der Wein? Bitter? Süss? Wie ist der Rausch? Wie lange hält er wohl an? Sich mit Geschichten betrinken. Soll ich dir noch ein Glas einschenken? Oder willst du schlafen gehen? Geh nur, es ist nicht real, enthoben dessen, was rund um dich geschieht. Lass mich in meinem Rausch. Meine Geschichte in meinem Kopf, mein Leben in meinem Ohr, meine Wahrheit in deiner Interpretation. Dein Speichel an meinem Flaschenhals.

"Reiches Innenleben", Sovietisches Anti-Alkohol-Plakat

Samstag, 3. Januar 2009

Artikel Nr. 15 - Das Arme Lamm


Ich wollte mein schlechtes Gewissen beruhigen und wieder einmal einen Akt der Solidarität vollbringen. Denn im Alltag verhalte ich mich oft unsolidarisch. Ich bin eine von denen, die den Blick starr auf ein inexistentes Ziel richten und vorbeieilen, wenn sie in der Bahnhofunterführung einem Bettler begegnen. Und ich gehöre zu denen, die Fundraiser auf der Strasse permanent anlügen, entweder kein Geld, keine Zeit oder nicht das erforderliche Alter zu haben um ihrer Bitte nach einer Spende nachzukommen.  
Der Auslöser für meine Einsicht war aber, dass ich wie jedes Jahr an Weihnachten auch dieses mal in die Kirche ging und dort die Geschichte der Geburt Jesu hörte. Wie nie zuvor jedoch berührte mich das dadurch in Erinnerung gerufenen Schicksal des Kindes, das als Sohn des Allmächtigen in die Welt kam für die Armen und Schwachen und das später einmal sein Leben opfern würde für die Sünden aller Menschen. Und da geschah es, dass ich mich schuldig fühlte. Ich sündigte, indem ich meine bedürftigen Mitmenschen kalten Herzens überging und verschuldete somit den grausamen Tod dieses hilflosen Kindes, das Zeit seines Lebens nur die Liebe predigte und keiner Fliege etwas zu leide tat. Oh, was bin ich doch für ein grausames Monster! Diese unerträgliche Erkenntnis trieb mich dazu, meine Gewissensbisse so schnell wie möglich loswerden zu wollen. Ich begann zu überlegen, was ich tun könnte. Es sollte etwas sein, was mir keinen Spass machte. Ich wollte büssen! Da kam ich auf die Idee, Blut spenden zu gehen. Bis anhin konnte mich keine noch so verlockende Bestechung dazu bringen dies zu tun. Das Klemmen des Gummibandes an meinem Oberarm, das das Blut staut und meinen immer heisser werdenden Arm anschwellen lässt, das brennende Stechen der Nadel in meine Ellenbogenkehle, das Gefühl auf meiner Haut, wenn das warme Blut in die Spritze fliesst, die auf meinem Arm liegt, diese Erfahrung hat mir bei der ärztlich verordneten Blutabnahme völlig gereicht. Und dann die Vorstellung, für einen halben Liter meines Lebenssafts ein Sandwich zu erhalten, das finde ich einfach nur makaber. Ein Grund warum ich mich nun zu dieser Form der Busse entschied, war auch, dass meine religiös geprägte Ausgangslage ein weiteres, mystisches Argument lieferte, was mich umso mehr überzeugte, denn auch Jesus gab sein Blut her.
Ich muss vorwegnehmen, dass ich es nicht geschafft habe mein Gewissen mittels Blutspenden zu erleichtern. Denn als ich das Blutspendelokal betrat wurde mir von dem schrecklichen Anblick, der sich mir bot aufs mal so speiübel und schwarz vor Augen, dass ich taumelnd und mich an den Wänden abstützend das Gebäude verlassen und fliehen musste. Noch auf der Flucht warf ich die ganze himmlische Verblendung von mir, denn die Wucht mit der ich hier auf den harten Boden der Realität geworfen wurde war einfach zu gigantisch, als dass meine religiöse Anwandlung ihr standgehalten hätte. Mein Egoismus wurde gänzlich restauriert durch die Erkenntnis, dass es in dieser elenden Welt noch viel fürchterlichere und verlogenere Monster gab als mich. Denn das Blutspendelokal betretend erblickte ich eine Gruppe ekstatisch um einen Haufen Blutkonserven tanzender, schweissüberströmter Krankenschwestern. Und sie empfingen mich mit offenen Armen.

Mittwoch, 26. November 2008

Artikel Nr. 14 - Wow, Aldi Unterschiede zur Migros...!


Ich war heute zum ersten Mal im Aldi. Normalerweise gehe ich immer in die Migros, aber heute wollte ich wegen der Kälte ein bisschen Weg sparen und der Aldi war halt näher. Im Prinzip ist es ja egal, Supermarkt ist gleich Supermarkt, oder? Dass das nicht zwingend der Fall sein muss beweist schon die Tatsache, dass ich überhaupt einen Blogeintrag über Migros und Aldi mache. Denn: Aldi ist anders. Aldi konzentriert sich auf das Wesentliche. Das steht auf der Website und als ich das las, fand ich das eine sehr gute Erklärung für mein aufrüttelndstes Einkaufserlebnis seit meinen Marktbesuch in Bamako (Mali, Afrika) vor etwa 10 Jahren. 
Schon beim Aufsuchen des Ladens fällt mir ein gewisser Minimalismus auf. Es gibt bei der Filiale in Thun zwei Leuchtreklamen, die auf die Präsenz des Geschäfts aufmerksam machen, eine an der Frutigenstrasse und eine an der Talackerstrasse. Der Laden befindet sich im Untergeschoss des Eckgebäudes, doch das ist auf keinem der Schilder vermerkt, so dass ich zuerst den Eingang suchen muss. Im Treppenhaus, das dann nach unten führt gibt es gerade mal einen Schaukasten in dem auf einem Plakat alle aktuellen Sonderangebote abgebildet sind. Ich gehe nach unten (es gibt keine Rolltreppe) und komme in einen Raum, den man als Atrium bezeichnen könnte. Es gibt von da den Zugang zum Laden und zu der Tiefgarage, in die man auch gleich reinblickt. Sie besteht aus einem Raum ohne Säulen mit ungewöhnlich hoher Decke, alles Weiss gestrichen und hell beleuchtet. Dann gibt es da auch noch die Wägelistation. Ich ignoriere sie und gehe ins Geschäft hinein, wo ich bemerke, dass das eben ein Fehler war. Denn es gibt keine weitere Möglichkeit, ein Wägeli zu bekommen, wenn man einmal drin ist und es gibt auch keine Einkaufschörbli. Nochmals raus, Wägeli (gross und ohne Kindersitz) holen, wieder rein. Aaaalsooo,... ich brauche... Ich beginne, mir die angebotenen Produkte anzusehen. Es gibt alles nur einmal. Eine Sorte Müesliriegel, eine Sorte Tiefkühlspinat, eine Sorte Orangensaft, eine Sorte Milch, eine Sorte Naturejoghurt. Die Preise sind nur einmal am Regal angeschrieben, dieses besteht aus nicht mehr als einer Rückwand und schlichten Regalböden. Gemüse und Früchte sind in den Kartonschachteln, in denen sie angeliefert wurden auf einem simplen Podest ausgestellt. Da es Abend ist gibts nur noch wenig Auswahl. Hier wir wohl bloss einmal am Tag aufgefüllt. Dies erklärt auch, warum es so wenig Personal gibt, das einem im Weg steht und genau dort auffüllt, wo man etwas aus dem Regal nehmen möchte, wie das im Migros zum Leidwesen aller sowieso schon gestressten Kunden an der Tagesordnung ist. Wie ich mich so im Laden umschaue, fällt mir auf, dass ich über sämtliche Regale hinwegblicken kann. Schon vom Eingang vorne rechts aus sehe ich zum Käsekühlregal hinten links. Es ist, als wäre ich auf Nahrungssuche in die Tundra geraten. Sonst fühlte ich mich beim Einkaufen in der Migros eher wie David Livingstone im kongolesischen Dschungel. Undurchdringliches Dickicht, hohe Bäume, gefährliche Tiere, fleischfressende Pflanzen und tödliche Krankheiten.
Ich sammle also meine Einkäufe ein. Und das Sammeln, das will betont sein, einer der lebenserhaltenden Urtriebe des Menschen, kann man hier noch richtig ausleben. Nicht wie in der Migros, wo man so eine Riesenauswahl hat und es ein Wunder ist, wenn man bei dem überdimensionierten Angebot nicht in die unüberwindbarsten Entschiedungsschwierigkeiten gerät. Ja sind wir ehrlich, in der Migros werden einem die Dinge ja beinahe hinterher geschmissen. Man denke schon nur an die prall mit irgendwelchen Güezi, Schoggi und Täfeli gefüllten Fächer zwischen den beiden Rolltreppengeländern, wie man sie in allen zweistöckigen Migrosfilialen findet. Wenn die Migros das Schlaraffenland ist, wo einem die gebratenen Täublein in den Mund fliegen, dann ist Aldi die Realität, wo vor dem kulinarischen Vergnügen noch die Arbeit kommt. 
Ich schaue mich also um. Plötzlich fällt mir auf, dass es weder Radiogesäusel noch Druchsagen gibt. Das ist ja immer der höchste Grad an Peinlichkeit in der Migros: "Es isch wider Winter. Für gnue Wermi giz iz blickdichti Damänäilenschtrümpf im Zänerpack für numä 14. 90 Frankä! Chömet cho luege i üserä Ungerwöschabteilig!", gesprochen von einer montonen männlichen Langweilerstimme, die versucht ansteckend zu wirken.  Im Aldi, aber, ist es still. Offensichtlich gehört das Antreiben der Kauflust bei den Kunden durch die kontinuierliche Berieselung mit Musik oder Werbedurchsagen auch zu dem Unwesentlichen, das es laut Aldi-Website wegzulassen gilt. Die monatlichen Billaggebühren von 18. 65 Franken für den kommerziellen Radioempfang Kategorie I (1-10 Geräte) mögen sie hier nicht aufwenden. Aldi ist eine Ruheoase im stressigen Alltag der berufstätigen unteren Mittelschicht. Die Migros ist im Vergleich dazu eine Turnhalle, wo die Einkaufenden im Rhythmus temporeicher Musik von Regal zu Regal flitzen und ein Trainer ihnen hinterherschreit: "Du musst noch in die Kosmetikabteilung, bevor alle anderen dir die 3 für 2-Shampoos für unschlagbare 6. 90 Franken weggeschnappt haben!" Das Drehtürchen am Eingang zur Ladenfläche ist der Startblock, die Ziellinie ist die Kasse, und wems noch nicht schnell genug geht, der kann ja noch an eine Expresskasse gehen, sofern er nicht mehr als vier Artikel zu bezahlen hat, also nur eine Kurzstrecke gelaufen ist und nicht einen Marathon, wie alle anderen. 
Ich habe alles was ich brauche und gehe an die Kasse. Plastiksäcke kann man hier nur kaufen. Es gibt nur eine Sorte. Ich bezahle und gehe entspannt nach Hause mit der Meinung, dass ich noch nie so effizient eingekauft habe wie heute. Eben nur das Wesentliche. 

Dienstag, 11. November 2008

Artikel Nr. 13 - Verdreh mir den Kopf


Ich habe wieder einmal eine grundlegende Antwort zu einer meiner immerbrennden Fragen gefunden. Die Frage, ob ich jemals eine echte Revolution erleben werde. Mir gefiele einfach die Vorstellung, Teil eines für die Menschheit bedeutenden Umschwungs zu sein. "Ich habe es erlebt und nun mach ich es anders, genau wie alle anderen." Das hätte irgendwie ein gemeinsamkeitstiftendes Moment. Es muss ein tolles Gefühl sein, wenn man sagen kann: "Ich war beim Berliner Mauerfall dabei." Doch schon hier treffen wir auf Schwierigkeiten. Oft ist man nur indirekt beteiligt. Zum Beispiel haben wir alle kürzlich die Wahl des ersten schwarzen US-Präsidenten erlebt. Doch war ich als aussenpolitisch passive Schweizerin wirklich dabei? Ein anderes Problem ist, dass sich Revolutionen meistens nicht Schlag auf Schlag ereignen. Man denke an die Erfindung des Buchdrucks. Wie lange hat es gedauert, bis diese Innovation ihre Wirkung vollumfänglich entfaltet hatte? Ich würde darum behaupten, dass sich meteoriteneinschlagsmässige Revolutionen nur dann ereignen können, wenn sich vorher eine Situation zum Unerträglichen zugespitzt hat, z. B. beim Fall der Berliner Mauer. Dann muss ich mich aber glücklich schätzen, dass ich dies nicht erlebt habe, denn ich glaube, dass dieses Erlebnis den zuvor erfahrenen Schaden nicht ausgleichen kann. 
Glücklicherweise bin ich aber auf einer skizzenhaften Zeitreise durch meine eigene Entwicklungsgeschichte auf etwas gestossen, was mein Verlangen nach dem Miterleben einer Revolution zu einem grossen Teil befriedigte. Dazu muss ich eine grobe Definition davon wagen, was ich als Revolution bezeichne. Es ist eine Untergrabung  von bisher befolgten Prinzipien, das plötzliche Auftauchen einer entgegengesetzten und dennoch funktionierenden Art und Weise etwas zu tun, zu sehen, zu denken, zu gestalten und auch eine Befreiung aus festgefahrenen Normen, die neue Möglichkeiten in Aussicht stellt. Zu abstrakt? Nun, was ich mit dem Begriff meiner eigenen Entwicklungsgeschichte auftun wollte war, dass ich besonders als neugieriges Kind viele Dinge als Revolution im vorher beschriebenen Sinne erfahren habe. Ein schönes Beispiel ist mein Erleben von Musik. Meine ersten Begegnungen mit improvisierter Musik unterschieden sich dermassen von dem was ich bisher kannte, klassische Musik meiner Eltern und Kinderlieder, die so und nicht anders zu tönen hatten, dass diese Erfahrung bei mir hocheuphorische Gefühle auslöste. Es war schier unglaublich, dass der Gitarrist jetzt plötzlich einfach so irgendetwas spielt, was ihm gerade in den Sinn kommt und dass es auch noch gut tönt! So begann auch ich mit Musik zu experimentieren.
Nun, was lernen wir daraus, respektive, was ist das Grundlegende, das ich daraus erkannt haben will? Es ist, dass Revolutionen in unseren Köpfen statt finden und sie deshalb auch ganz klein und persönlich sein können. Dies impliziert natürlich auch, dass wir Revolutionen erst nachträglich erfahren und auch als solche erleben können.
Ich möchte noch anfügen, dass der aufmerksame Leser meines Blogs hier wieder die smeagolische Tendenz meines Charakters erkannt haben kann, diesen Drang zur "Schatzsuche" der mich in meinem Alltag stets begleitet, mit dem Ziel, etwas zu finden, das meine Neugierde befriedigt, mir irgendwelche Vorteile bringt, oder mich glücklich macht. Bestimmt ist die Jagd nach Revolutionen eine Ausprägung davon. Ich will die Revolution, ich suche sie, denn ich hoffe darin ein Stück von Glück, Reichtum und Erfüllung zu finden. Bin ich die einzige?

Samstag, 18. Oktober 2008

Artikel Nr. 12 - Beziehungsmissklänge


Ich lebte seit ungefähr acht Jahren in einer Beziehung. Wir kannten uns schon von früher. Unsere seltenen Treffen hatte ich damals immer sehr vergnüglich empfunden. Wir begegneten uns später am Gymnasium wider. Da kamen wir auch zusammen. Es funktionierte wunderbar. Wir hatten viel Spass, haben viel unternommen, viele schöne Momente erlebt. Es gab auch kleinere Krisen, die wir aber jedes mal meisterten. Für uns war klar, dass wir nicht aufgeben würden wegen kleinen Problemen. Nach dem Gymnasium lebten wir unsere Beziehung locker weiter. Wir waren zwar offiziell zusammen, aber wir liessen einander genug Freiraum, um die Welt zu erkunden. Eifersucht war nie ein Thema. Dann begann das Studium und wir machten so weiter. Es schien gut zu gehen so. Im Sommer vor einem Jahr beschlossen wir aber in den Ferien, dass es an der Zeit war, näher zusammen zu rücken. Wir wollten eine Beziehung für die Zukunft aufbauen, Werte schaffen, Pläne schmieden und ausführen. Es war eine schöne Zeit voller Aufbruchstimmung, Mut, Leidenschaft, Nähe. Wir planten uns für immer zusammen zu schliessen. Machten dies offiziell im Mai. Es lief alles perfekt, wir passten einfach wie zwei Puzzleteile zusammen, hatten die gleichen Vorstellungen. Doch dann, ich weiss nicht, was mit ihm passiert war. Er fing an dauernd Dinge von mir zu fordern, ich sollte dies und das als seine zukünftige Frau. Ich merkte, wie ich abblockte, ich fing an ihm auszuweichen, verspürte oft Unlust ihm gegenüber. Als er auch noch mit der Idee kam, wir sollten unserer Liebe lebendige Taten folgen lassen und mich auf penetrante Weise dazu zu überreden versuchte, platzte mir der Kragen. Ich merkte, dazu bin ich nicht bereit, das will ich alles gar nicht. Ich will es so einfach, wie es war, als wir die Sache locker führten. Wir haben zusammen diskutiert. Ich sagte ihm, dass ich es unheimlich schade finden würde, wenn das Ganze nun einfach so den Bach runterginge. So viel Zeit und Kraft hatten wir da rein investiert. Er gestand dies auch ein. Mit viel Aufwand hätten wir es wieder hinbiegen können. Doch ich fragte mich, ob es dann wieder so wäre wie vorher. Und da hatte ich grosse Zweifel. Denn wir lebten beide nach dem Ganz-oder-gar-nicht-Prinzip. Das hätte starke Kämpfe und grosse Kompromisse bedeutet. Nein, ich kam zum Schluss, dass es vermutlich besser wäre, wenn wir einen Schlussstrich ziehen würden. Auch wenn ich mich durchaus noch von ihm angezogen fühle, werde ich in Zukunft auf Distanz gehen. Freundschaft, ja das werde ich immer für ihn empfinden, aber ich bin nicht mehr bereit, von ihm beansprucht zu werden. Vielleicht ist es auch einfach ganz vorbei, wer weiss...? Tja, aber ich bin mir jetzt sicher: für immer passen wir nicht zusammen, ich und er, der Gesang.

Artikel Nr. 11 - Futuristische Seifenoper


Als ich kürzlich in der Juristischen Bibliothek sass und eigentlich lesen wollte, kam mir angesichts des unbekannten Terrains, auf dem ich mich befand, eine langvergessene Frage wieder in den Sinn: Was ist mit der Zukunft? Ich hatte mich das schon lange nicht mehr gefragt und ging ein bisschen auf Forschungstour in meiner Erinnerung. Als Kind stellte ich mir vor, wie wir im Jahr 2000 alle mit Lichtgeschwindigkeit in kleinen Flugmaschinen lautlos herumflögen, oder uns sogar von Ort zu Ort beamen könnten, wie wir Wissen in Pillen schluckten, Roboter unseren Haushalt machten und wie Pickel mit einer Impfung für immer zum Verschwinden gebracht würden. Kurz vor dem Jahrhundertwechsel kam dann der Millenniumhype und wir fürchteten uns, vielleicht weil wir das alles noch nicht erreicht hatten, die Welt könnte (endlich, gäu Uriella) untergehen, wenn wir ins neue Zeitalter übertraten. Vermutlich haben uns aber unsere anderen grossen technischen Errungenschaften wie das Internet oder die mobile Telefonie vor dem Verderben gerettet. Ehrlich gesagt, wir sind doch schon sehr weit gekommen in unserem Forschen und Weiterentwickeln und es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie es weitergehen könnte. Noch besser, schneller, kleiner, leichter? Wird es sogar noch Revolutionen geben? Wie ich mich also unter zukünftigen JuristInnen befand kam mir der Gedanke, dass sich ein Fortschritt in der Art von technischen Neuerungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Kunst oft nicht erkennen lässt. Den unmittelbaren Bezug zur Umwelt und den gewöhnlichen Menschen, der ursprünglich ihr Nährboden war, hat die Kunst schon lange verloren. Ein Kunstwerk hat heute nicht mehr wie zum Beispiel in frühchristlicher Zeit den Zweck, die Heiden zum Christentum zu bekehren, nein, es bezieht sich auf sich selbst, behandelt systemimmanente Probleme, verweist im besten Fall auf andere Kunst.

Wie eine Seifenblase, einmal durch den Ring geblasen, löst sie sich davon ab, schwebt, hält sich selbst und irgendwann...

Denn ist irgendwann nicht alles gesagt, gemalt, gebaut? Was dann? Glücklicherweise ist aber auch die Kunst was ihre Gattungen betrifft mit der Zeit mitgegangen. Die Entwicklungen der Technik macht sie sich zu Nutzen. Eine virtuelle Kunst ist entstanden, eine neue Realität, aus Strom und Zahlen. Die Materialität, unbeirrbare Zeugin der Wirklichkeit und Ursubstanz aller Kunst, ist überflüssig geworden. Ist das Fortschritt? Kommen wir Menschen aus Fleisch und Blut da noch mit? Wird unser Körper einmal hinfällig, der Geist befreit? Sind wir jemals nur noch Gedanke, Zahl, Impuls? Mit dieser Vorstellung spielt Second Life. Von Philip Rosedale Mitte der 90er Jahre entwickelt verbringen gewisse Freaks mittlerweile ihr ganzes reales Leben in dieser virtuellen Welt. Sie verdienen Geld, bauen sich ein Haus, heiraten, haben Kinder und führen ein ganz normales Leben in einer Welt, in der man eigentlich gar nicht leben kann. Sie vergessen plötzlich, dass sie menschliche Bedürfnisse wie Schlaf oder Hunger haben und verenden wie verirrte Wale am Strand; Wenn sie gemerkt haben, dass sie sich nicht mehr im richtigen Element befinden, ist es schon zu spät. Auch die virtuelle Realität scheint mir

wie eine Seifenblase, einmal durch den Ring geblasen, löst sie sich davon ab, schwebt, hält sich selbst und irgendwann...

Das kann also nicht die Zukunft der Menschheit sein, wenn wir den Fortbestand unserer Gattung sichern wollen, auch in Anbetracht der drohenden Umweltverschmutzung. Vielleicht sollten wir es mit etwas anderem versuchen. Wir müssen die Orientierungslosigkeit unserer Generation eindämmen, endlich wieder eine Lebensform finden, die vorbehaltlos funktioniert. Wir sollten uns angemessene Lebensräume schaffen und das in der materiellen Wirklichkeit. Als ich die juristische Bibliothek verliess war ich noch total in Gedanken darüber versunken, wie wir das anstellen müssten. Im Bahnhof wurde mir dann ein Heft in die Hand gedrückt. Nein, diesmal versuchten nicht die Zeugen Jehovas mein Leben zu verändern, sondern die Stadt Bern. "Eröffnung Westside" stand vorne drauf. Yes, das Raumschiff ist gelandet! Tritt ein, hier kannst du dein Leben verbringen. Es gibt hier alles, was man braucht: Läden für Kleider, Lebensmittel, Luxusgüter, Restaurants, Banken, ein Hotel, ein Altersheim, eine Tankstelle, ein Hallenbad, Kinos, und und und. Das muss mein neuer Lebensraum sein! Eine autarke künstliche Biosphäre. Und plötzlich habe ich eine Vision von der Zukunft: die Menschheit versammelt sich im Westside in Bern. Die Triebwerke werden gestartet und das gesamte Einkaufszentrum inklusive landwirtschaftlichen Nutzflächen hebt mit einem lauten Brummen von der Erdoberfläche ab und trägt uns aus der Atmosphäre ins unendliche Universum hinaus. Doch ist das nicht auch irgendwie

wie eine Seifenblase, einmal durch den Ring geblasen, löst sie sich davon ab, schwebt, hält sich selbst und irgendwann...